Denn sie wissen sehr wohl, was sie tun – Frühlings Erwachen mal anders

            Erst tauchte Greta Thunberg auf, die junge Dame, die auf internationalen Plattformen sich ganz kühl und klar für Klima und Naturschutz nicht nur ausgesprochen, sondern dafür mit ihrem Schulstreiks eine ganze Jugendbewegung, „Fridays vor Future“, ins Leben gerufen hat. Die “Jeanne d’Arc des Kapitalismus“, wie Jean Ziegler sie genannt hat, kam im Dezember 2018 zum Weltklimagipfel in Kattowitz in Polen  und hielt eine Rede, die ich hier ohne zu zögern und zu zweifeln als „historisch“ und „revolutionär“ bezeichne. Sie beebdete ihre Rede mit folgenden Worten: „We need to keep the fossil fuels in the ground and we need to focus on equity. And if solutions within the system are so impossible to find, then maybe we should change the system itself. We have not come here to beg our leaders to care. You have ignored us in the past and you will ignore us again. We have run out of excuse and we are running out of time. We have come here to let you know that change is coming whether you like it or nor. The real power belongs to the people.“ Die damals 15-jährige Schülerin aus Schweden sagte das in einem perfekten Englisch, ganz ruhig (Text auf deutsch), ohne emotionale Gestik und unbewegter Mimik, bedankte sich höflich beim Publikum und ging vom Pult. Die Rede schlug bei den jungen Menschen ein wie eine Bombe: Schüler*innen, Student*innen, Azubis und Azubinen nahmen sie zum Vorbild, marschierten freitags von der Schule weg auf die Straßen und wussten zum großen Teil ihre Eltern und Lehrer*innen hinter sich ebenso wie Wissenschaftler und Experten. Hilflose Gegenreden wie die des FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, sie sollten weiter zur Schule gehen und die Lösung der Umweltkrise „den Experten überlassen“, wurden zur Lachnummer.

            Auch Rezo, der 26-jährigerYouTuber, will in seinem inzwischen berühmt-(für die CDU)berüchtigten Video „Die Zerstörung der CDU“ (in Anlehnung an die Destroy-(X)-Welle auf den sozialen Kanälen) einen „drastischen Kurswechsel“ und artikuliert das kurz vor den Wahlen zum Europaparlament etwas anders als Greta Thunberg.

            „Sonst sind wir faktisch gefickt!“ – Diese Schlussfolgerung zieht Rezo aus seinen Ausführungen zu der bisherigen Politik der CDU und SPD, die er am Ende seiner Präsentation so zusammenfasst: „Wie haben gesehen, wie diese Leute lügen, wie sie teilweise inkompetent in ihrem eigenen Job sind, wie  durch sie die soziale Ungerechtigkeit extrem steigt, wie sie irrationale Entscheidungen treffen, nur um ein paar Reiche noch reicher zu machen, und das auf Kosten der Allgemeinheit. Wie haben gesehen, dass sie augenscheinliche Völkerrechtsbrüche oder Kriegsverbrechen dulden oder sogar unterstützten. …“ (Hervorhebungen durch Autorin). Das alles zeigt Rezo anhand von Beispielen, die er mit Quellen untermauert und hin und wieder mit jugendlichen Kraftausdrücken unterstreicht, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen. Einige Themen wie die NSA-Affäre, Waffenexporte und Überwachungsstaat etc. lässt er aus, nicht um Gnade vor Recht ergehen zu lassen, sondern weil das Video sonst zu lang gewesen wäre. Sein Fazit: Der Konsens unter Experten ginge dahin, dass  „der aktuelle Kurs der CDU und SPD wird unsere Zukunft zerstören“ wird.

            Annegret Kramp-Karrenbauers (aka AKK) Entrüstung

            Dieses Youtube-Video  wurde bereits vor der Europa-Wahl millionenfach und inzwischen rd. 15 Mio. mal angeklickt und hatte große mediale Resonanz. Dessen nicht genug: rd. 70 YouTube-Influencer produzierten zur Unterstützung Rezos noch ein Anti-CDU-Video. Die Frage, ob die für CDU und SPD desaströsen Wahlergebnisse mit diesen Videos zusammenhängen sei dahingestellt. Jedenfalls hat die derzeitige CDU-Vorsitzende Annegrat Kramp-Karrenbauer (im Folgenden als AKK abgekürzt) selbst diesen Zusammenhang konstruiert. Denn nach der Wahl stellte sich eine frustrierte AKK vor die Kameras und sagte folgendes: „… habe ich mich gefragt, wenn eine Reihe – so sagen wir mal- 70 Zeitungsredaktionen zwei Tage vor der Wahl erklärt hätten „wir haben einen gemeinsamen Aufruf; wählt bitte nicht die CDU und die SPD!“, das wäre klare Meinungsmache vor der Wahl gewesen. Und ich glaube, es hätte eine muntere Diskussion in diesem Land ausgelöst. Und die Frage stellt sich schon mit Blick auf das Thema Meinungsmache, was sind eigentlich Regeln aus dem analogen Bereich, und welche Regeln gelten eigentlich für den digitalen Bereich? Ja oder Nein?“ (???, die Autorin)

            Abgesehen davon, dass die Regeln für die Meinungsäußerung im analogen genauso gelten wie im digitalen Bereich: Wie düster es um die Kommunikation der politischen Elite gegenüber dem Wahlvolk überhaupt bestellt ist – Jugendlichen gegenüber im Besonderen erst einmal ausgenommen – wird aus dem obigen Zitat deutlich, die noch nicht einmal eine Aussage darstellt – von Klarheit ganz zu schweigen.

            Meinungsmache? Ja! Es werden Meinungen gemacht und gebildet in einer… na!… Demokratie! Auch und gerade vor den Wahlen. Nur: Meinungen müssen begründet sein, da sie immer auch einer Erklärung bedürfen, um überzeugend zu sein. In dieser Hinsicht ist Rezo recht überzeugend. Seine Forderung nach einem „drastischen Kurswechsel“ begründet Rezo mit nichts weniger als wissenschaftlichen Ergebnissen von Experten, für die er Quellen angibt, damit jede/r diese Position nachvollziehen und ggf. beanstanden kann. Dass seitens der CDU keine grundlegende Kritik der Ausführungen und der Quellen erfolgt ist, nicht auf den Inhalt des Videos eingegangen wurde, bedeutet: da gibt es nichts in Frage zu stellen. Es gab lediglich ein elf Seiten umfassendes pdf-Papier mit unzureichenden und schnell widerlegbaren Rechtfertigungen. Das Video jedoch hatte die Wirkung einer Granate, verunsicherte und scheuchte die CDU dermaßen auf, weil der Einwurf aus einer unvermuteten Ecke kam. Argumente und Hinweise auf den Klimawandel, die soziale Ungerechtigkeit, Widersprüche und Rechtsbrüche in der Außenpolitik, Fragen der Migration etc. seitens der Linken und der Grünen wusste die CDU mit gewohnten Stellungnahmen zu parieren, nicht ernst zu nehmen oder einfach zu ignorieren. Aber was war DAS?

            AKK drohte: „Das ist eine sehr grundlegende Frage, über die wir uns unterhalten werden, und zwar nicht nur in der CDU und mit der CDU (?, die Autorin), sondern ich bin mir ganz sicher, in der gesamten medienpolitischen und auch der demokratietheoretischen Diskussion der nächsten Zeit wird das eine Rolle spielen. Und deswegen werden wir diese Diskussion auch sehr offensiv angehen.“ Offensiv angehen? Was sollte das heißen? Etwa Zensur als Schutzschild? Nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung? Das ist die Position, wenn die Argumente ausgehen bzw. nie welche existiert haben.

            Die unbeholfene und aggressive Reaktion der nach diesem politischen Faux-pas womöglich nicht mehr angehenden Kanzlerin AKK auf die Social Media-Herausforderung hat die CDU noch einmal von innen heraus demontiert. Rezo hat damit wieder recht behalten: “Das wird ein Zerstörungsvideo, nicht weil ich aktiv versuche, jemanden zu zerstören, sondern weil die Fakten und Tatsachen einfach dafür sprechen, dass die CDU sich selbst, ihren Ruf und ihr Wahlergebnis damit selbst zerstört.“ Damit hat er sozusagen völlig ins Schwarze getroffen.

            Jugend sucht Wahrheit

            Sowohl in Rezos Video als auch in dem von jungen Influencern zu seiner Unterstützung veröffentlichten Youtube-Video ist immer wieder nachdrücklich zu hören: Es sei wichtig, „rationale Entscheidungen zu treffen, die im Einklang mit Logik und Wissenschaft stehen“, „kein abstraktes Szenario, sondern berechenbares Ergebnis der aktuellen Politik“, nicht sie würden das behaupten, sondern dies sei der „Konsens in der Wissenschaft“, „der Experten“, die sich sicher seien, „nicht ein paar, sondern unzählige unabhängige Studien“…

            In Schule und Universität lernen die Jugendlichen, dass Fakten und Forschungsergebnisse zählen, in der Ausbildung lernen sie mit ihnen, also mit Fakten und Materie, umzugehen. Auf der anderen Seite beobachten sie wie Politik, Parteien und große Interessengruppen einerseits, und die  sog. „Wirtschaft“, Konzerne, und Lobbies andererseits, ihre eigenen sog. „alternative Fakten“ schaffen und ihrer eigene Wahrheit konstruieren – um der Macht und des Profits willen und auf Kosten von Mensch und Natur.

            Der eklatante Widerspruch zwischen dem, was sie lernen und dem, was sie beobachten drängt der Jugend eine Entscheidung auf – nicht zuletzt angesichts der Klimaerwärmung, der damit verbundenen Klimakatastrophen und der Aussicht auf eine düstere Zukunft. Ihre
Aktionen beruhen auf der Schlussfolgerung, dass der Natur niemand mit irgendwelchen „alternativen Fakten“ oder sonstigen Profit- oder Machtvorstellungen kommen kann und dass das Leben der Menschheit im Einklang mit der Natur ohne eine Transformation der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse nicht möglich ist.

            Junge Menschen (auch die Friday for Future-Bewegung) haben erkannt, dass es nicht mehr um divergierenden Meinungen geht – z.B. ob es eine Klimaerwärmung gibt, wenn ja, ob
der Mensch dafür verantwortlich ist oder nicht etc.  Die Materie wurde bereits hinlänglich erforscht, es ist wissenschaftlich bewiesen, wer wofür verantwortlich ist. Das Problem ist  vorhanden, seine Beschaffenheit ist geklärt, Lösungsmöglichkeiten sind formuliert. Fest steht nur: es muss schnell etwas getan werden gehen.

            Die Jugend bekennt sich somit notwendigerweise praktisch zum philosophischen Realismus: Es gibt eine von uns unabhängige materielle, natürlische Welt außerhalb von uns, in der und mit der wir interagieren, von der wir aber gleichzeitig ein Teil bzw. ein Moment und somit abhängig sind. Natürlich haben wir auch um uns herum eine künstliche Welt konstruiert; doch unsere Konstruktionen wirken auf die eine Wirklichkeit außer uns, nämlich die Natur, die wir nicht konstruiert haben. Wir waren bisher damit beschäftigt, diese Wirklichkeit zu beherrschen, auszubeuten, uns „die Natur untertan zu machen“. Das Ergebnis ist die Zerstörung der Natur.: Klimawandel, Artensterben, Verschmutzung der Weltmeere, der Luft, des Bodens etc. etc. Daraus ziehen heute junge Menschen die Konsequenz des Widerspruchs.. Möglicherweise ist damit nicht nur ein politischer Frühling, sondern auch die philosophische Wende vom Konstruktivismus zum Realismus einläutet, wer weiß?

            Die unflätige Sprache der jugendlichen Auflehnung

            Für manche erfrischender Ausdruck des jugendlichen Protests, für andere vulgäres Zeichen des endgültigen Untergangs deutscher Bildungskultur. So was im Land der Dichter und Denker! Goethe und Schiller würden sich im Grab umdrehen… oder?  Was würden sie wohl zu Rezos mit flammender Rhetorik aufbereiteter, doch an kritischen Stellen mit pikanten Indezenzen bestückter Rede, die manchen wohlerzogenen zugeneigten Zuschauer*innen die Schamesröte ins Gesicht treiben mögen, sagen? Aber wir sollten eigentlich spätestens nach dem Film „Fack ju Göhte“ auf starken Tobak vorbereitet sein.

            Rezo hat „fucking viele Belege!“, findet Europa-Politik eigentlich „fucking langweilig“ und es ist so „fucking heftig!“, was er aus seinen Quellen zum Klimawandel erfahren hat. Wie die CDU und die SPD durch ihre ungerechte Wirtschaftspolitik zusehen, wie viele Menschen „abloosen“; „aber heyyy! CDU-die Partei der kleinen Leute!“, „lol!“ über „fun facts“ etc.

            Es geht auch nicht darum Rezo zu rügen. Das Letzte, was hier passieren wird, ist es, die sprachliche Sittenpolizei zu spielen und der Jugend, hier in Rezo personifiziert, eine unmoralische Redeweise vorzuwerfen. Es geht um die Wirkung der intensionalen Wirkung der sexualisierten Sprache, also nicht um die Benennung von sexuellen Handlungen, sondern um ihre Bedeutung im Kontext ihres Gebrauchs. Es geht darum, dass wohlerzogene systemkonforme Erwachsene und systemaffine Jugendliche -wie der gleichaltrige CDU-Shooting Star Philipp Amthor, der ein entsprechend misslungenes Gegenvideo vorbereitet haben soll, das nicht mehr veröffentlicht worden ist –  diese Sprache niemals (öffentlich!) gebrauchen würden. Genau das tut aber Rezo – ob er sich dessen bewusst war/ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen: er zieht mit seiner Sprache eine Grenze zwischen sich- der Jugend, der Zukunft- und der CDU/CSU und SPD (und AfD), die die Zukunft der Jugend zerstören, wohl wissend, dass sie diesen Aufschrei nicht hören werden, er dafür aber umso stärker von der Jugend wahrgenommen und auch verstanden wird, weil er selbst einer von ihnen ist.

            Wir können Rezo die Ausdrucksweise vorhalten und ihm wegen der Sexualisierung und Vulgarisierung seiner Kritik Unreife vorwerfen, seine Ausführungen bagatellisieren oder ihm sogar jede Mündigkeit absprechen. Aber schauen wir uns wenigstens eine solche Äußerung, die diesen Beitrag als Überschrift krönt, einmal genauer an:

            „Wir werden faktisch gefickt“: „Wir“ das sind derjenige, der diesen Satz ausspricht, also Rezo, seine Adressat*innen, über diese hinaus das gesamte Wahlvolk; wir können den Kreis weiter ziehen über Europa und im Grunde die ganze Welt, wenn wir die von Rezo angeprangerten Themenfelder wie Klima- und Außenpolitik betrachten. Der Satz ist im Passivmodus, das Objekt mit dem etwas gemacht wird, sind „wir“, passiv gemacht, paralysiert. Jemand benutzt uns, um seine Lust zu befriedigen oder um seines eigenen Vorteils willen; wir empfinden keine Lust dabei, wir werden getrieben bzw. sehen keinen Sinn in der Aktion, das Ganze passiert quasi gegen unseren Willen bzw. ohne unsere Mitwirkung– ergo: wir werden quasi ver-gewalt-igt.  Das Wort „Gewalt“ kristallisiert sich aus dieser Äußerung heraus. Wenn wir den Gewaltbegriff aus dem sexualisierten Deutungsfeld „gefickt werden“ abstrahieren und in den politischen Kontext einsetzen, in dem heraus er artikuliert wurde, heißt es übersetzt: „Uns wird politische Gewalt angetan.“ Im extremsten Falle: „Wir werden zerstört.“ Nach dem unausgesprochenen Subjekt des Satzes muss der Adressat nicht lange suchen: die Parteien, die wir nicht mehr wählen sollen, ganz vorne die CDU: „Die CDU vergeht sich an der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland durch politische und sozioökonomische Gewalt, sie tut der Natur und uns Gewalt an.“ 

            So schamlos und unerhört obszön diese Äußerung „Wir werden faktisch gefickt!“ auch scheint und so unschicklich für die Kritik an einer politischen Partei, die seit Jahren die Regierungsgewalt innehat, so unschuldig ist sie immer noch in der äußersten jugendlichen Anstrengung, im Grund Unerhörtes herauszuschreien. Das ist keine liederliche Krawallmache, sondern schriller Alarm.

            Auch wenn es nicht zur Gewohnheit werden sollten, mit Worten aus dem sexuellen Bedeutungsfeld im politischen Diskurs zu verwenden, lassen sich mit ihnen politische Vorgänge im übertragenen Sinn oft adäquat beschreiben. Die Jugendsprache ist eine konstruierte Sprache (hier wird Sprache als Instrument für einen bestimmten Zweck konstruiert; das hat nichts mit dem philosophischen Konstruktivismus zu tun) zum Zweck der Grenzziehung und des Widerspruchs. In Rezos Fall hat sie ihren Zweck mit Bravour erfüllt.

            Als gebildeter junger Mann (studierter Informatiker) hätte Rezo seine CDU-Kritik oder meinetwegen „-Zerstörung“ problemlos anhand seiner Quellen wissenschaftlich artikulieren können, nur: wie viele Leute hätten dann sein Youtube-Video angeklick?  Er hat den vulgären Stil mit pointiertem Einsatz zum Instrument gewählt und sie authentisch gebraucht, um am Ende zu sagen: „Der Kaiser ist nackt!“  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


MODESTE MODE oder die Dialektik der weiblichen Verhüllung – 3

Fortsetzung von -2

Feminismus vs Antirassismus?

Ich weiß, dass es auch rassistische Feministinnen zumindest einmal gegeben hat. Ist aber jemand, die/der sich gegen das islamische Kopftuch einsetzt, deswegen ein/e Rassist*in?

Wenn kulturelle Vielfalt als „Verharmlosung der religiösen Genderordnung“ verunglimpft wird, dann grenzt das schon an antimuslimischen Rassismus. Eine religiöse Genderordnung hat es hierzulande immer gegeben und diejenigen, die daran Anstoß gefunden haben, konnte man an den Fingern einer Hand abzählen,  sie wurde/wird immer hierzulande verharmlost. Auch heute noch kann man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Serie mit dem Titel „Um Himmels willen“ schauen und darin verfolgen, wie die Nonnen eines „Klosters Kaltenthal“ (religiöse Sphäre) gegen den örtlichen Bürgermeister (politische Sphäre) mit eigenwilligem Charme in der säkularen Bundesrepublik mit „Frauenpower“ ihr Kloster (also die religiöse Sphäre) schützen. Manchmal verbünden sich Kloster und Bürgermeister sogar gegen äußere Widersacher. Hier fragt niemand, wo denn die Männer im Kloster seien; zum Glück, dann müsste nämlich die kirchliche Genderordnung erklärt werden!

Nun schimpft man auf die religiöse Genderordnung – im Islam! Warum? Der Islam ist, im Gegensatz zum Judentum und Christentum „fremd“, sichtbar und inzwischen zahlreich. Der Islam kommt von Außen, ist sozusagen der „Eindringling“, der wieder hinausgetrieben werden muss. So schießen sich sog. Experten auf das Kopftuch ein. Bei einer Ausweitung der Debatte auf monotheistische Religionen insgesamt müsste die Stellung der Frau in der orthodoxen Riege komplett unter die Lupe geraten. Wer zum Thema „Stellung der Frau in der Religion“ sich nur auf eine Religion fixiert und die anderen ausblendet, handelt rassistisch. Diskriminierende, unterdrückerische und ausbeuterische Strukturen offenzulegen und zu bekämpfen ist etwas völlig anderes als Menschen anderen Glaubens zur Zielscheibe zur erklären.

Prof. Dr. Susanne Schröters (Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam) Bemerkung zur Ausstellung  Contemporary Muslim Fashion „Islamische Mode findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern hat einen erheblichen repressiven Anteil, der definitiv mitgedacht werden sollte“ bedient diese enge, einseitige Sicht auf den Islam und die muslimischen Migrant*innen , obwohl der Inhalt so falsch gar nicht ist. Wenn sie dann hinzufügt: „Wenn Menschen aus patriarchischen Kulturen einwandern möchten, sollten sie ihre Konditionierungen überdenken. Wenn sie hier leben wollen, müssen sie sich darauf einlassen, unsere Regeln und Werte zu übernehmen“, verliert sie völlig aus dem Blick, dass 1. auch hierzulande patriarchale Strukturen sich längst nicht überlebt haben; sie sind nur relativ besser als in den Herkunftsländern vieler Migrant*innen und  dass 2. eine Oktroyierung von Regeln und Werten von einer Kultur der Kommunikation, der Anerkennung und Zuerkennung der Menschenwürde weit entfernt ist und Ausgrenzung zur Folge haben wird.

Vielleicht dient es dem feministischen Anliegen viel mehr, etwas geschmeidiger in der Kopftuch-Debatte zu denken und zu handeln und die Haltung der pauschalen Verdammung oder Verfemung des Islam und der Muslime- die ich von einer fundierten Islamkritik, im Sinne einer Religionskritik, sehr wohl unterscheiden will! – abzulegen, wenn das Thema Kopftuch wieder einmal in den Medien seine Runde macht. Es gibt sehr wohl eine sehr robuste und im Prinzip klar erkennbare Grenze zwischen Islamkritik und Islamhass, die vielfach ignoriert wird, um Kritiker*innen unfairerweise gleich in das rechte Spektrum einzuordnen. Islamkritik ist nicht rassistisch, Islamhass aber, der sich gleichzeitig als eine Angst vor und Hass gegenüber Muslime äußert, der auch unter dem Namen Islamophobie bekannt ist, ist es allerdings!

Das lässt sich auf prägnante Art folgendermaßen deutlich machen: Solange jemand davon beseelt ist, sein Gegenüber (in diesem Fall einen Muslim oder eine Muslima) zu verstehen und ihrerseits/seinerseits berechtigte emanzipatorische Gründe gegen das Tragen des Kopftuchs vorlegt und bestrebt ist diese zu artikulieren und Kopftuchträgerinnen auch zuhört und ihnen die Möglichkeit gibt, sich selbst darzulegen und versucht die Gründe nachzuvollziehen, zu verstehen (was nicht dazu führen muss, sie zu akzeptieren) und für Erklärungen offen ist und Religionsfreiheit als ein Gebot des demokratischen Zusammenlebens anerkennt, dann ist sie/er kein Rassist*in. Wenn er/sie Kopftuchträgerinnen als sich Mann und Religion unterwerfende bzw. unterdrückte Ewiggestrige abtut, die nichts von der Gleichberechtigung wissen wollen und die westliche Zivilisation ablehnen, ja sie sogar abschaffen und sie durch die Scharia ersetzen wollen, und die Muslime (öffentlich oder privat) als ebensolche plakatiert, ohne sich mit ihnen austauschen zu wollen, der/die ist ein/e angst- und hassgesteuerte/r Rassist*in.

Rassisten haben keinen emanzipatorischen Anspruch. Ich will nun nicht daran glauben, dass die Ethnologin Prof. Dr. Susanne Schröter, die am 08. Mai zu einer Konferenz des Frankfurter Forschungszentrum globaler Islam (FFGI) zum Thema „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“  eingeladen hatte, eine Rassistin sein soll. Seitdem ist sie einer regelrechten Hasskampagne ausgesetzt worden, bis zu Forderungen, sie gehöre wegen ihrer „Hetze“ ins Gefängnis, denn „ihre Seele“ sei „des Teufels“. Studierende verlangten ihre Entlassung. Warum? Weil sie einen Meinungsaustausch zur Sache ermöglichen will. Während sie selbst eine eindeutige Meinung zur Sache hat. Was hier zum Glück kein Grund ist, eingesperrt oder entlassen zu werden. „Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden“ hat einmal Rosa Luxemburg gesagt- eine sozusagen „modeste“, bescheidene Anerkennung, dass es auch andere Meinungen gibt, mit denen man/frau sich auseinandersetzen muss.  Als Revolutionärin hat sich Rosa Luxemburg in ihrem rhetorischen und praktischen Kampf um gleiche Rechte keineswegs zurückgehalten, wie wir aus der Geschichte wissen.  Die Protestierenden müssten sich vergewissern, dass mit „andersdenkend“ nicht nur sie selbst gemeint sind. Sie hätten die Einladung annehmen und mitdiskutieren können. Das haben sie nicht getan, was ihr Protestverhalten nicht unbedingt adelt.

Wer sich als Feminist*in bezeichnet kann die Augen vor dem Rassismus nicht verschließen und muss sich gegebenenfalls in diese Richtung sensibilisieren. Wer Antirassist*in ist, muss auch vor Ungleichbehandlung oder Erniedrigung von Menschen auf Grund ihres Geschlechts oder sexuellen Identität laut werden. Das eine darf das andere nicht ausschließen.

Vielleicht müsste frau diese permanente Konfrontation anlässlich der Kopftuchdebatte als eine Herausforderung zur Grenzüberschreitung auf beiden Seiten verstehen – und zwar in eine übergeordnete Diskurssphäre, die die Muslimin (auch die Jüdin, die Christin) auf keinen Fall ausschließen darf. Der Grund ist einfach: gemeinsame Probleme kann frau nur gemeinsam lösen. Weder muss die Muslima ihr Kopftuch ablegen noch muss Femen sich kleiden, um gemeinsam für Frauenrechte zu kämpfen. Der Rest ist eine Sache des Respekts.

Anders ist der Kampf gegen Sexismus, sexuelle Gewalt, die die Reduzierung der Frau auf ihre Reproduktions- bzw. die Mutterrolle, gegen Abtreibungsgegner, die ungleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, häusliche Gewalt, Frauenhandel, Prostitution, Pornografie, Homophobie, Genitalverstümmelung (die sog. „Beschneidung“), Ungleichheit in der politischen Vertretung und Machtverteilung etc. etc. etc. nicht zu gewinnen. Frau hat also sehr viel zu tun. Deswegen muss frau so eng zusammenrücken, dass kein Kopftuch mehr dazwischen passt.

Mein Vorschlag: Wir müssen miteinander reden.

Das ist die einzigen Art und Weise aus dieser diskursiven Sackgasse „Kopftuchdebatte“ auszubrechen und gemeinsam neue gesellschaftliche Schneisen in Richtung Gleichberechtigung und Emanzipation zu schlagen.

– Ende –

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MODESTE MODE oder die Dialektik der weiblichen Verhüllung – 2

Fortsetzung

Islamische Kleidervorschriften – ganz kurz

Aber was ist denn nun im Islam erlaubt? Welche Kleidungsvorschriften müssen beachtet werden? Im Korantext können wir Aufforderungen zur Verhüllung bzw. Kleidung finden. Da heisst es in der Sure Nur (Sure 24 Vers 31): „Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren und ihren Schmuck nicht zur Schau tragen sollen – bis auf das, was davon sichtbar sein darf, und sie ihre Tücher um ihre Kleiderausschnitte schlagen und ihre Schmuck vor niemand (anderem) enthüllen sollen als vor ihren Gatten oder Vätern oder den Vätern ihrer Gatten oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Gatten oder ihren Brüdern oder den Söhnen ihrer Brüder oder Söhnen ihrer Schwestern oder ihren Frauen oder denen, die sie von Rechts wegen besitzen, oder solchen von ihren männlichen Dienern, die keinen Geschlechtstrieb mehr haben, und den Kindern, die der Blöße der Frauen keine Beachtung schenken. Und sie sollen ihre Füße nicht so (auf den Boden) stampfen, dass bekannt wird, was sie von ihrem Schmuck verbergen. …“

Aus dieser Passage ist eindeutig zu erkennen, dass es bei der Kleidung der Frau darum geht „Keuschheit zu wahren“ und mit ihrem „Schmuck“ (fremde) Männer nicht zu reizen. Der Ausdruck „zīna“ für Schmuck, Geschmeide wird oft nicht im übertragen Sinne, sondern wörtlich gelesen und als wirklicher, dekorativer Schmuck, wie Hals- oder Fußketten, Ohrringe, Armreife etc. aufgefasst und entsprechen interpretiert: es ginge gar nicht darum, dass Frauen sich verhüllen müssten, sondern darum, dass sie nicht ihren Reichtum zur Schau stellen sollten etc. Aber diese Interpretation ist aus dem Zusammenhang gerissen, denn im obigen Vers geht es nur um die Bewahrung der Keuschheit, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass die Frauen sich nur vor ihrem Gatten und ihren nächsten Verwandten, Kindern, die „der Blöße der Frau keine Beachtung schenken“ und vor „männlichen Dienern, die keinen Geschlechtstrieb mehr haben (wahrscheinlich Eunuchen oder sehr alte Männer, H.K.)“, ohne Verhüllung zeigen dürfen.

Der Zweck „modester“, bescheidener Kleidung kommt hier also sehr klar zum Ausdruck: Keuschheit, sexuelle Zurückhaltung aufs Äußerste. Nur gegenüber älteren Frauen, die keine Kinder mehr bekommen können und deren „Geschmeide“ fremde Männer nicht mehr reizen könne, ist der Koran etwas konzilianter. Für sie hat der Koran die Kleidungsvorschriften etwas gelockert, unter der Auflage sich dennoch „anständig“ zu verhalten (Sure Nur, Vers 60)

Im Vers 59 der Ahzab-Sure fordert der Koran den Propheten Mohammad auf, seine Frauen und Töchter sowie alle gläubigen Muslimen dazu anzuhalten, einen Überwurf über die Kleidung anzulegen, wenn sie aus dem Haus gehen.

Aus all diesen Versen können wir folgern: Alles, was als „zīna“, also Schmuck des Körpers und Quelle sexuellen Reizes für fremde Männer gelten kann, hat verhüllt zu werden, und zwar so, dass auch die Umrisse dieser Körperstellen nicht erkennbar sind. Da auch das Haupthaar von Männern als sexuell erregend wahrgenommen werden kann, ist also ein Kopftuch zu tragen.

Nicht nur im Koran, sondern auch in den Hadithen sind Passagen zu finden, die eindeutig auf die Verhüllungspflicht der Frau hinweisen. U.a. sagt der Prophet Muhammad in einer von diesen, dass nur das Gesicht und die Hände einer Frau sichtbar sein dürften.

Was ist mit den Männern?

Im Vers 26 in der Sure A’raf (Sure 7) wendet sich der Koran an die „Söhne Adams“ und fordert, dass sie ihre Scham bedecken und weist in dem darauffolgenden Vers gleich auf das Schicksal von Adam und Eva hin, die ihre Blöße nicht bedeckt hätten und dazu gezwungen werden mussten.

Es gilt für den Mann, Hosen bis unter das Knie und Hemden bis über die Ellbogen zu tragen; aber ein auf diese Weise gekleideter Mann fällt im Stadtbild überhaupt nicht als „islamisch verhüllt“ auf. Er trägt ja kein Kopftuch. Es sei denn, er trägt deutlich sichtbar einen islamischen Bart oder eine Takke –eine Gebetsmütze, wie die Kippa bei den jüdischen Männern- der ihn als Muslim kennzeichnet. Da viele Männer aber auch beim Gebet keine Kopfbedeckung tragen, ist dies wohl keine Pflicht für den muslimischen Mann. Auch im öffentlichen Alltag sind nicht sehr viele Muslime mit Gebetsmütze zu sehen.

Die Verhüllung der Frau andererseits hat für viele muslimische Männer folgenden Sinn: Gott hat sie deswegen vorgeschrieben, damit die Frau 1. den Mann nicht sexuell herausfordert und reizt; hier soll der Mann vor den Reizen der Frau geschützt werden (bei Vergewaltigung wäre damit konsequent die Frau schuld, da ihr vorgeworfen werden kann, sie wäre nicht oder ungenügend verhüllt gewesen; logisch weitergedacht hätte die Frau den Mann mit ihren Reizen „angegriffen“, also verführt ) und 2. damit sie der Frau Schutz und Sicherheit gibt (bei sexueller Belästigung oder Vergewaltigung wäre auch hier die fehlende Verhüllung (Schutz) bzw. die Frau, die sich nicht verhüllt hatte, schuld). Modeste Kleidung gibt der Frau und dem Mann also Schutz und Sicherheit – so die religiöse Logik. In beiden Fällen wird die Verhüllung jedoch über die Reaktion des Mannes definiert. Sie soll ihn nicht reizen, damit er nicht übergriffig wird. Also wäre ich ein Mann, … würde mich diese Erwartung an mein Geschlecht schon stark beleidigen und empören. Es würde mir unterstellt, dass ich meinen sexuellen Trieb aber auch unter keinen Umständen kontrollieren könnte und ihm vollständig ausgeliefert wäre, das ich nicht in der Lage wäre, den Trieb zu kultivieren und zivilisieren, dass ich in dieser Hinsicht aber auch absolut nicht erziehbar, somit lernunfähig wäre! Wie dem auch sei,…
… viele Frauen und ihre Familien mögen tatsächlich denken, dass sie selbst bzw. ihre Frauen, Töchter, Schwestern etc. verschleiert besser vor sexuellen Übergriffen, vor Sexismus überhaupt, geschützt sind. Diese Hoffnung bzw. Annahme wird allerdings durch Fakten nicht gestützt.

In „Contemporary Muslim Fashion“ ist übrigens kein einziges „modestes“ Exponat für Männer zu sehen. Was ein deutlicher Hinweis auf die Zielgruppe der Ausstellung sein dürfte. Aber nichtsdestotrotz ist auch muslimische Mode für Männer demnächst im Kommen. Die globale Kommerzialisierung der Religion ist in vollem Gange und es bleibt abzuwarten, wie der muslimische Milliardenmarkt, ob Haute Couture oder Casual Fashion, auf ihre Warenästhetik anspricht.

Proteste um „modeste“ Kleidung

Das islamische Kopftuch war immer wieder Zündstoff für politische Proteste. Dabei waren/sind bzw. sind der Angriffspunkt immer wieder staatliche Kleidungsvorschriften für die Frau, gegen die die Frauen sich gezwungen sahen/sehen, politisch und demonstrativ zu Felde zu ziehen: einerseits geht es um Zwangsentschleierung (Beispiel Türkei in den 1980 er/1990er Jahren), andererseits um Zwangsverschleierung (Beispiel Iran oder Saudi-Arabien). Je nachdem hatten bzw. haben sie mehr oder weniger Männer an ihrer Seite. Wenn es gegen eine staatliche Zwangsentschleierung ging/geht, wurden/werden die Frauen, die ihre religiöse Pflicht der Kopfbedeckung erfüllen wollen, stärker von Männern unterstützt, mehr noch: in diesem Fall führten Männer auch mal die Demonstrationen an und sprachen lautstark für die Freiheit der religiösen Frau, ihr Kopftuch zu tragen. Beispiele für Proteste gegen Zwangsverschleierung gibt es in letzter Zeit zur Genüge aus dem Iran. (Gefängnisstrafe bei öffentlichem Ausziehen des Kopftuchs, Ablegen des Kopftuch bei sportlichen Wettkämpfen etc.) Aus diesem Grund waren viele, dem Mullah-Regime entflohene und im Westen lebende iranische Frauen verständlicherweise von der Ausstellung Contemporary Muslim Fashion vor den Kopf gestoßen.

Dann sind da noch die Hijabistas. Als Digital Natives versuchen sie über die Online-Plattformen die Aufmerksamkeit des User-Publikums auf ihre Identität als junge muslimische Frauen in einer westlichen Gesellschaft zu ziehen. „Seht her! Ich bin eine Muslima! Der Hijab gehört zu meiner Identität!“ So kann der Spieß auch mal umgedreht werden. Frau kann modest und selbstbewusst zugleich sein.

Und ewig lockt die Herrschaft über die Frau – überall!

Einen politisch brisanteren Stoff als den Stoff, aus dem die weibliche Bekleidung gemacht wird, gibt es nicht. Der weibliche Körper ist politisch bzw. wird politisiert. Verhüllt, freizügig oder  nackt? Zurückhaltend oder provakant und verführerisch? Das ist die Frage, um die sich religiöse Kleidungsvorgaben drehen. In der politischen Diskussion jedoch  sollte die zentrale Frage eine andere sein, nämlich die: Hat die Frau sich aus freiem Willen für /gegen das Kopftuch entschlossen? Wird der Frau die Macht über ihren eigenen Körper abgesprochen – oder nicht?  

Man drehe und wende das Kopftuch, wie man will, es bleibt in diesen Zeiten ein Politikum. Denn auch hier ist es nicht die Frau allein, die individuell und aus freiem Willen darüber bestimmt, ob sie es tragen will oder nicht. Es fängt damit an, dass Gott die Verhüllung will –dies könnte vom Koran, der für die Gläubigen eben Gottes Wort ist, abgeleitet werden. Auch einige Hadithe lassen sich in dieser Richtung auslegen, wenn z.B. der Prophet Muhammad selbst in einem von diesen sagt, es sollten nur Gesicht und Hände der Frau sichtbar sein. Soweit die Frau sich individuell aus freiem Willen entschließt, sich Gott und seinem Propheten– also dem Koran und den Hadithen –  zu unterwerfen (so paradox es auch ist!) und sich zu verhüllen, fällt ihre Entscheidung unter Religionsfreiheit. Sobald sich jedoch andere einmischen und versuchen, ihre Meinung zu beeinflussen oder sogar zu zwingen, seien es der Staat, der Mann, die Familie oder das soziale Umfeld der Frau, dann gründet das Tragen oder das Ablegen des Kopftuchs direkt auf Zwang und auf direkter offener oder indirekter sublimer Gewalt. Das hat mit Religionsfreiheit überhaupt nichts mehr zu tun.

Nichts außer dem freien Willen der Frau, die den Hijab trägt, sollte also für die gesellschaftliche Akzeptanz der religiösen Verhüllung den Ausschlag geben. Das sollte die Grundlage dafür sein – auch für westliche Feminist*innen- mit der Gläubigen im Allgemeinen, mit der Muslima im Besonderen- auf Augenhöhe zu kommen. Im Feminismus sollte – wie der Name es schon sagt – die Frau  im Mittelpunkt stehen. Der/die westliche Feminist*in sollte verstehen, auch wenn er/sie womöglich vieles nicht akzeptieren kann, und vor allem den Dialog mit der Muslima suchen, ohne zu verurteilen.

Es wäre z.B. auch denkbar, dass eine in einer westlichen Gesellschaft sozialisierte Frau, müde der extremen Sexualisierung in Film und Werbung, müde der Benachteiligungen im Arbeits- und Erwerbsleben, dass sie z.B. bei gleicher Arbeit ein Fünftel weniger Lohn erhält als ihr Kollege, müde der sexistischen Andeutungen, Annäherungen und Angriffe (siehe MeToo-Debatte) etc. etc. sich vorsätzlich trotz Unglaubens auch mal des „modesten“ religiösen Kleidersortiments bedient, weil sie weiß, dass sie in ihrer Umgebung damit aneckt und provoziert.  Solch eine Handlung ließe sich sogar als ein Hilferuf werten. Das Kopftuch kann also im einem westlichen Kontext auch einen Protest, nämlich die Ablehnung der herrschenden sexistischen patriarchalen Strukturen – diesmal in der aufgeklärten  westlichen Welt-  symbolisieren, die lange nicht so weit in der Gleichberechtigung der Frau vorangeschritten ist, wie sie oft vorgibt. Dasselbe gilt für das Ablegen des Kopftuchs bzw. der „modesten“ Bekleidung in einem theokratischen Land. Als ein völlig entgegengesetzte Extrem wären die Aktionen der feministischen Gruppe Femen zu nennen, die den nackten Protest (wörtlich zu verstehen) auf die Fahnen geschrieben hat. Nackt oder verhüllt – in beiden o. g. Fällen ist der weibliche Körper das Symbol der Ablehnung der herrschenden Verhältnisse.

 

…Fortsetzung folgt

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MODESTE MODE oder die Dialektik der weiblichen Verhüllung – 1

Das Kopftuch- eine unendliche Geschichte

Im April/Mai 2019 hatte wieder einmal die Kopftuchdebatte in Deutschland Hochkonjunktur. Immer wieder taucht es in der öffentlichen Debatte auf und schlägt eine Schlucht – zwischen Verteidiger*innen der Frauenrechte bzw. Feminist*innen und auf der einen Seite und Antirassist*innen auf der anderen Seite: das Kopftuch der Muslima.  Die Muslima selbst wird dabei nicht gefragt und kommt kaum zu Wort.

Obwohl es ähnlich strenge Kleidungsvorgaben für die Frau im orthodoxen Judentum gibt, ist es die islamische weibliche Verhüllung, die die Gemüter erhitzt und heftige Debatten auslöst. Die Habits der christlichen Ordensschwestern – im Volksmund Nonnen genannt- sind nicht minder  hochgeschlossen und „keusch“, aber das ist nie ein Thema, woran sich die Öffentlichkeit aufreibt. Denn Nonnen und orthodoxe Jüdinnen sind im Gegensatz zu orthodox gläubigen Musliminnen in der Öffentlichkeit kaum sichtbar.  Über den religiösen Status von Nonnen bzw. Frauen in der katholischen Kirche oder im orthodoxen Judentum, der ja zugleich immer auch ein gesellschaftlicher Status ist, gibt es mindestens genauso viel diskursiven Sprengstoff wie über den der muslimischen Frau. In der katholischen Kirche liegt so einiges im Argen; durch die jüngst sich formierende Bewegung Maria 2.0 wird Druck seitens der gläubigen Frauen in Richtung Gleichberechtigung ausgeübt. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Aktion entwickelt. Ich drücke die Daumen und wünsche viel Kondition. Aber jetzt bin ich leicht von Thema abgekommen. Es geht hier ja um Verhüllung der Muslima , nicht die der Nonnen, nicht wahr….

Das Kopftuch nimmt auch deswegen einen prominenten Platz in den Medien ein, weil es auf der politischen Arenen v.a. in Europa immer den passenden Konfliktstoff für die Zuschauertribünen liefert und für prickelnde Ablenkung und Zerstreuung sorgt. Vor einigen Tagen hat z.B. Österreich ein Gesetz gegen das Kopftuchtragen in der Grundschule beschlossen. Die Psychologie der Mädchen war bei diesem Eifer keine relevante Größe, Hauptsache man zeigt, dass man etwas gegen die „Unterdrückung der Frau im Islam“ unternimmt. Dass das Mädchen noch gar keine Frau ist, findet weder bei den Familien (zum Glück sind es nicht sehr viele) der betreffenden Mädchen noch bei den rechten „Beschützern des Abendlandes gegen die islamische Invasion“ eine Berücksichtigung. Das ist rassistisch.

Ein weiterer sehr interessanter Fall: Im ZDF-Magazin Frontal 21 vom 14.04.2019 berichtete Nemi Al-Hassan, eine muslimische deutsche Staatsbürgerin und Medizinstudentin mit Kopftuch, über gefährlich verhunzte Schönheitsoperationen, die Patientinnen – oder hier besser: Kundinnen -entstellt haben, manche sogar so, dass sie ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen konnten. Wir sehen Kosmetikerinnen, die sich als Heilpraktikerinnen ausgeben, Influencerinnen, die als „Werbefläche“ für sog. Beauty-Kliniken in Social Media für Botox-Spritzen, Hyaluronfiller etc. etc. werben. Wir sehen aber auch verpfuschte Eingriffe an Nase, Lippen, Brüsten mit katastrophalen psychischen und sozialen Folgen. Das Geschäft mit der Perfektionierung der körperlichen Ästhetik floriert auf Kosten der natürlichen Schönheit und oft auch der Gesundheit. Nach dem sehr gut recherchierten und präsentierten Bericht war die Aufregung und Empörung natürlich groß – nicht über den ungeheuren Inhalt des Berichts, sondern darüber, dass die Reporterin ein Kopftuch  getragen hat! Es ist ein Phänomen unserer Zeit und Kultur, dass eine kopftuchtragende Journalistin das Gemüt von aufgeklärten Zeitgenossen mehr erschüttern kann als der tragische Schönheits- und Jugendwahn, das erbärmliche Geschäft mit der Ware Schönheit und der Betrug an Kunden um ihre Schönheit, ihre Gesundheit und ihr Geld.

Und dann ist da noch seit Anfang April eine kritisch beäugte Ausstellung „Contemporary Muslim Fashion im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main. Seitdem bewegt das Kopftuch-Thema bzw. das Thema der weiblichen Verhüllungspflicht im Islam wieder die Gemüter. Die Ausstellung wurde zuerst in den USA in San Francisco eröffnet, just als der „Muslim Ban“ der US-Regierung unter Donald Trump beschlossen werden sollte. Sehr wohl war diese Politik eine rassistisch motivierte Aktion gegen Menschen, die nicht zuletzt auch noch auf Grund der brutalen Interessenpolitik der USA in dieser Region ihre Heimat zurücklassen und fliehen mussten bzw. müssen. In diesem Kontext wurde also diese Ausstellung „Contemporary Muslim Fashion“ in den USA eröffnet und von vielen als ablehnende Reaktion auf Trumps „Muslim Ban“ begeistert aufgenommen, um Offenheit und Neugierde gegenüber eine fremde Kultur zu demonstrieren. Nun ist sie in Deutschland, in Frankfurt am Main – der Metropole des Mammon. „Modest Fashion“ – so beschreiben die Kuratoren die ausgesuchten Exponate. Von traditionaler Kleidung bis Haute Couture ist alles dabei, was die strengreligiöse Muslima auch heute tragen könnte. Es geht also auch darum, einen gewissen milliardenschweren Markt auszuloten. Der Geldbeutel der Interessierten kann, muss aber nicht so „modest“ sein wie die Exponate. Was aber bedeutet „modest“?

Modest – ein Adjektiv mit einem speziellen Deutungsfeld

„Comtemporary Muslim Fashion“ wirbt für sich mit dem Begriff „modest“. Das ist die englische Übersetzung vom arabischen „mutawādiʿ“, was soviel bedeutet wie bescheiden oder auch demütig.  „Modest“ gibt es auch im Deutschen, ist aber veraltet, dafür verwenden wir heute viel eher das Wort „bescheiden“.

Ich werde zur Beschreibung der muslimischen Bekleidung im Besonderen und der religiösen Bekleidung im Allgemeinen hier das Wort „modest“ weiterhin verwenden, aus zwei Gründen: 1. Als umgangssprachlicher Begriff zur allgemeinen Beschreibung der religiösen Kleidung eignet er sich gut. 2. Es ist sehr interessant, mit dem Begriffsfeld in unterschiedlichen Kontexten zu spielen und dadurch zu zeigen, wie dehnbar die Grenzen der Kontexte sein können. In dem deutschen wie englischen „modest“ klingen außer „bescheiden“ auch andere Bedeutungen mit, die je nach dem Kontext mitgemeint sein können bzw. mitgemeint sind: neben bescheiden im Sinne von einfach, dezent, zurückhaltend gehen wir über zu schlicht, mäßig, genügsam und anspruchslos weiter zu sittsam, schamhaft, keusch und züchtig –hier werden eindeutig Bezüge zu sexuellem Verhalten und zur entsprechenden Erscheinung hergestellt- und zum Schluss demütig, klein, gering. Deutsche Antonyme sind u.a. stolz, hochmütig, arrogant, unverschämt, eingebildet, eitel.

 Auch islamische Label werben mit dem Anspruch „mutawādiʿ“ für ihr Sortiment, und meinen damit vor allem nicht den individuell bzw. gesellschaftlich gerade modisch angesagten Trend, sondern religiös erlaubte Kleidung.

Da „modest“ in „Contemporary Muslim Fashion“ in der englischen Bedeutung verwendet wird, ist es interessant, sich die Synonyme und Antonyme zu „modest“ im Englischen  anzusehen: als Synonyme, also bedeutungsgleiche Adjektive gelten neben, decent (was ins Deutsche neben dezent auch als anständig übersetzt wird), decorous (schicklich, anständig in der Kleidung und im Benehmen), humble, shy, unpretentious, not excessive auch chaste, pure, clean, vestal, virginal, aber auch backward, bashful, coy, diffident (schüchtern, verschämt, scheu),  introverted, recessive, retiring, withdrawn (zurückhaltend); als Antonyme finden wir u.a. coarse (grob, ungeschliffen, anstößig), dirty, filthy, immodest, impure, indecent, obscene, smutty (schmutzig, zotig, obszön), unchaste, unclean, vulgar.

Welcher Bedeutungsinhalt steht in der muslimischen Bekleidung im Vordergrund und warum? Die zentrale Frage, die (nicht nur) den Ausstellungsbesuchern im Kopf herumgeistert, dürfte folgende sein: Warum also verhüllt sich die muslimische Frau?  …Fortsetzung folgt

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